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(c) Familie Naumann

Die Spielzeugstadt Sonneberg

Seit dem Mittelalter lag Sonneberg an der Handelsstraße Nürnberg-Leipzig und war eine wichtige Station für die Nürnberger Kaufleute auf ihrem Weg nach Leipzig. Sonneberger Schnitzer und Drechsler fertigten im Nebenerwerb Holzspielwaren an, die sie den durchreisenden Kaufleuten anboten. Im 19. Jahrhundert kamen Spielwaren aus Papiermaché, Spieltiere und mechanische Spielzeuge dazu. Die Spielsachen wurden hauptsächlich in Hausindustrie hergestellt, in kleinsten Familienbetrieben, die Einzelteile für Verlagskaufleute zulieferten.  Zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Sonneberg und Umland schon 321 Spielzeugfirmen und die neu gegründete Industrieschule schaffte die besten Voraussetzungen gut gestaltetes Spielzeug. Durch den großen Anteil der Spielwarenproduktion am internationalen Markt entwickelte sich Sonneberg zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Weltspielwarenstadt.

Nach dem II. Weltkrieg wurde Sonneberg Teil der Sowjetischen Besatzungszone. Die Märkte im Westen gingen verloren und die Sowjetunion wurde zum Hauptabnehmer des Sonneberger Spielzeugs.  Während der Zeit der DDR wurde es in volkseigenen Betrieben hergestellt und 1972 die letzten privaten Spielwarenbetriebe unter Zwang verstaatlicht. Die Gründung des Sonneberger Spielzeugkombinats zentralisierte die Spielzeugherstellung, und das Kombinat bestand aus 23 Betrieben mit ca. 27 000 Beschäftigten in 600 Produktionsstätten, die in 37 Länder exportieren.

Nach der politischen Wende 1989 wurden die einzelnen Kombinatsbetriebe reprivatisiert oder stillgelegt. Die lange Tradition der Sonneberger Spielzeugmacher wird von wenigen Manufakturen und Betrieben fortgesetzt. Im Sonneberger Spielzeugmuseum kann man den Spuren der einheimischen Arbeiter und Fabrikanten folgen. 

 

Zum Spielzeugmuseum Sonneberg

Sonneberger Spielzeughersteller 

Firma Plüti - Plüschtierherstellung 

Manufaktur Marolin - Herstellung von Figuren aus Papiermasse  

 

Diese noch heute existierenden Familienbetriebe blicken auf  eine ähnliche Geschichte wie die fiktive Familie Langbein zurück.

Viele der von mir im Roman verwendeten Informationen gehen darauf zurück. 

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Dächer

Die Obere Marktstraße in Sonneberg 1967,

der Lastkraftwagen hält vor dem kleinen Kino 

Eine mitreißende Familiengeschichte über ein fast vergessenes Handwerk

Eva, Iris und Jan sind Erben der ehemals prächtigen Spielzeugfabrik Langbein in Sonneberg. In der Kaiserzeit gegründet, befand sie sich in der Weimarer Republik auf ihrem Höhepunkt, überstand zwei Kriege, deutsche Teilung und Verstaatlichung, nur um nach der Wiedervereinigung kläglich unterzugehen. Nun ist von der ehrbaren Langbein-Tradition nichts mehr übrig. Streit und Verbitterung haben sich auf die Hinterbliebenen übertragen. Doch als bei einer Internetauktion eine der seltenen Langbein-Puppen auftaucht – sorgfältig genäht und von ihrem Großvater persönlich bemalt –, rückt die verblasste Vergangenheit wieder heran und wirft unzählige Fragen auf: nach Schuld und Verlust, aber auch nach Hoffnung und Neubeginn.

Die aufregendste Tätigkeit, die Eva jemals ausgeübt hatte, war die einer Spielzeugtesterin gewesen. Ihre Karriere begann, als sie fünf Jahre alt war, und endete mit ungefähr dreizehn. Obwohl das über vier Jahrzehnte her war, konnte sie sich plötzlich wieder überdeutlich an dieses berauschende Gefühl erinnern. Sie hatte es immer in dem winzigen Moment gespürt, der zwischen dem Abstellen des gefüllten Dederonbeutels auf den Tisch und dem Herausholen des zu testenden Gegenstands lag. Nie hatte sie vorher gewusst, was der Beutel verbarg. Nie war sie enttäuscht worden. 

Vom Rückblick auf eine glückliche Kindheit

Diese Gebäude waren Vorbild für die im Roman beschriebenen und wurden von der Familie Scherf errichtet, den Urgroßeltern von Kati Naumann.

Das Stammhaus mit Blick auf den Schlossberg

Die Puppenfabrik Scherf um 1910

Der Garten mit der angrenzenden Fabrik um 1970

Schwarz-Weiß-Bilder (c) Familie Naumann

7 Fragen an Kati Naumann

Wo wir Kinder waren spielt in Sonneberg in Thüringen. Welche Verbindung haben Sie zu diesem Ort?

 

Sonneberg ist mein Sehnsuchtsort, eingebettet in einen märchenhaften Wald und voller Erinnerungen an eine glückliche Kindheit. Meine Urgroßeltern führten dort in zweiter Generation eine Puppenfabrik, ganz ähnlich wie die der Familie Langbein. Zusammen mit meiner Schwester habe ich viel Zeit in Sonneberg verbracht. Wie meine Romanheldin Eva hat mich abends das Rauschen der Röthen in den Schlaf gesungen, und von der Küche meiner Großeltern aus konnte ich die Spitze des Turms auf dem Schlossberg sehen. Heute ist dort, wo das Haus meiner Vorfahren und ihre Fabrik standen, eine Lücke, und das Familiengrab auf dem Friedhof verströmt den morbiden Charme der Verlassenheit. Aber der Scherfenteich im Ortsteil Bettelhecken trägt noch immer den Namen meiner Vorfahren.  

 

Sonneberg ist für seine lange Tradition der Spielzeugherstellung bekannt. Gab es reale Vorbilder für die Figuren in Ihrem Roman?

 

Die Puppenfabrik meiner Urgroßeltern war der Auslöser für diesen Roman. Ich habe beim Schreiben immer ihr altes Fachwerkhaus mit dem parkähnlichen Garten vor Augen gehabt, neben dem die Fabrik stand. Dennoch sind die Figuren im Roman fiktiv. Das Schicksal der Familie Langbein steht stellvertretend für das vieler Sonneberger Familien, die schon seit dem 17. Jahrhundert Spielzeug herstellten. Als Hausgewerbetreibende brachten sie Kindern auf der ganzen Welt Freude, während sie selbst in großer Armut lebten. Für die Recherche habe ich mit vielen Zeitzeugen gesprochen. Dabei habe ich beeindruckende Unternehmerinnen kennengelernt, deren Eltern sich mit Fleiß und Einfallsreichtum aus ärmlichsten Verhältnissen emporgearbeitet hatten, um dann miterleben zu müssen, dass ihre Privatbetriebe in der DDR zwangsverstaatlicht wurden. Heute führen sie die Tradition ihrer Vorfahren in kleinen Manufakturen fort und stellen wieder Spielwaren nach alten Technologien her, die dem neuen Bedürfnis nach Nachhaltigkeit entsprechen. Ihre handwerklichen Fertigkeiten, ihre Kreativität und ihr Kampf um die eigene Vergangenheit haben mich beim Schreiben sehr inspiriert.

 

Wie haben Sie die Spielzeugstadt Sonneberg als Kind wahrgenommen?

 

Ich war stolz darauf, dass jeder meiner Freunde mit einer Eisenbahn aus der Heimatstadt meiner Großeltern spielte. Alle meine Freundinnen besaßen Puppen und Plüschtiere aus dem VEB Sonni, dem größten Spielzeughersteller des Ostblocks. Meine Großtante war in diesem Betrieb angestellt, und deshalb durfte ich manchmal neu entwickeltes Spielzeug testen, eine ebenso aufregende wie verantwortungsvolle Tätigkeit. Die halbe Stadt arbeitete damals für die Spielzeugherstellung. Nicht nur aus diesen Gründen war Sonneberg für uns Kinder das Paradies. Bei jedem Aufenthalt haben wir das Spielzeugmuseum besucht, manchmal sogar mehrmals. Am liebsten ging ich dort in den Keller, in dem damals die Schaugruppe der Thüringer Kirmes ausgestellt war. Ich wurde nicht müde, diese kunstvollen Figuren zu betrachten, von denen es hieß, dass auch mein Urgroßvater eine hergestellt hätte. Den Bau dieser prächtigen Szenerie für die Weltausstellung in Brüssel im Jahr 1910 habe ich an den Anfang des Romans gestellt, denn damit begann der Aufstieg Sonnebergs zur Spielzeugmetropole.

 

Wie haben Sie für diesen Roman recherchiert, und auf welche Quellen konnten Sie zurückgreifen?

 

Für den historischen Teil habe ich mich auf Archivdokumente, zeitgenössische Wirtschaftsberichte und Fachbücher gestützt sowie mit einem Regionalhistoriker gesprochen. Außerdem habe ich mir alte Stadtpläne und Informationen über den Straßenzustand und die Energieversorgung Sonnebergs in den unterschiedlichen Epochen besorgt.  Für die Zeit des Ersten Weltkriegs konnte ich mir in Zeitungsarchiven und durch Familiendokumente ein Bild von der vorherrschenden Stimmung in der Bevölkerung machen. Mir standen Notizen meiner Mutter zur Verfügung, die von den Vorkommnissen in der oberen Stadt während des Zweiten Weltkriegs berichten. Außerdem hatte ich das Glück, mit Sonnebergern sprechen zu können, die das Kriegsende miterlebt haben. Für die Zeit der Recherche und des Schreibens habe ich wieder in der Stadt meiner Kindheit gewohnt. Ich konnte mich von den Fachwerkhäusern und den umliegenden Bergen inspirieren lassen, jederzeit die Bibliothek, das Museum oder das Stadtarchiv nutzen und mich mit Zeitzeugen treffen. Von vielen Sonnebergern habe ich dabei Unterstützung erfahren, für die ich sehr dankbar bin.  Zahlreiche Erinnerungen von Menschen, die mir ihre Geschichten erzählt haben, sind in den Roman eingeflossen. 

 

Sie beginnen die Geschichte um die Familie Langbein im Jahr 1910. Was war die besondere Herausforderung dabei?

 

Für die ersten Kapitel konnte ich natürlich keine Gespräche mit Personen führen, die diese Zeit erlebt haben. Zum Glück stand mir ein großer Familienschatz zur Verfügung, der unzählige Dokumente, Briefe, Fotos, Geschäftsbücher und Gegenstände aus der Zeit umfasst, in der meine Urgroßeltern ihre Puppenfabrik in Sonneberg betrieben. Das hat mir eine Tür in die Vergangenheit geöffnet. Es existiert noch ein Hauptbuch der Fabrik aus dieser Zeit, in dem ganz detailliert die Exportpartner in Übersee und alle Einnahmen und Ausgaben verzeichnet sind. In den ersten Kapiteln habe ich Erzählungen meiner Großmutter verarbeiten können, die mich als Kind sehr fasziniert haben. Es sind Geschichten über meine Urgroßmutter, die auch als vermögende Fabrikantin nur ein einziges gutes Kleid besaß, über Schiffsreisen meines Urgroßvaters bei stürmischer See ins ferne Amerika, aber auch vom tragischen Tod der Brüder meiner Großmutter im Ersten Weltkrieg. Es war eine Zeit, in der Glanz und Elend sehr dicht beieinander lagen.

 

Wo fanden Sie Informationen über die verschiedenen Technologien der Spielzeugherstellung?

 

Hierfür habe ich mir Fachliteratur besorgt und bin in die Spielzeugmuseen von Sonneberg und Neustadt bei Coburg gegangen, in denen die Industriegeschichte der Spielzeugherstellung hervorragend aufbereitet ist. Ich habe mich außerdem mit Arbeitern und Angestellten getroffen, die mir alles über die verschiedenen Materialien, Prozesse und Arbeitsgänge sowie über die zahlreichen Berufe der Spielzeugherstellung erzählt haben.  Ich durfte in alten Brigadetagebüchern stöbern, Fotos von Maschinen, Messeständen und Frauentagsfeiern sehen, alte Holzschablonen für den Zuschnitt von Plüschtieren befühlen und den Herstellungsvorgängen beim Gießen von Figuren aus Papiermasse beiwohnen. Dabei habe ich Menschen kennengelernt, die auf sämtliche meiner neugierigen Fragen Antworten wussten und mich mit ihrer Sachkenntnis tief beeindruckt haben. Bei einer dieser Begegnungen habe ich alte Drückerformen geschenkt bekommen, mit denen früher Puppenköpfe hergestellt worden sind. Davon war ich so fasziniert, dass eine solche Form nun eine wichtige Rolle im Roman spielt. 

 

 

Sie befassen sich auch mit den Verstaatlichungen der Spielzeugbetriebe in der DDR. Was konnten Sie darüber vor Ort in Erfahrung bringen?

 

In den Jahren der DDR hat sich die Sonneberger Spielzeugherstellung vom kleinteiligen Hausgewerbe zu einem modernen Industriezweig entwickelt. Die Menschen, mit denen ich bei meiner Recherche gesprochen habe, besitzen dazu unterschiedliche Ansichten und Erinnerungen, denen ich in diesem Roman Raum geben wollte. Ich habe mit Leuten gesprochen, deren Eltern als Betreiber von Kleinstfirmen in ihrer Wohnküche zusammen mit den Kindern und Großeltern unter Bedingungen wie vor hundert Jahren gearbeitet hatten. Für sie war die Umwandlung in eine Produktionsgenossenschaft des Handwerks die Rettung. Für viele mittelständische Privatbesitzer hingegen bedeuteten die Zwangsverstaatlichungen der letzten Betriebe 1972 und die vorangehenden Repressalien eine große persönliche Tragödie. Eines eint alle Menschen, die mir von ihren Erinnerungen an die Spielzeugherstellung in Sonneberg erzählt haben: Sie waren eng mit ihren Betrieben verbunden, selbst nach der erzwungenen Verstaatlichung, und sie haben ihre Arbeit leidenschaftlich geliebt. 

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In der Spielzeugfabrik Langbein erleben wir über hundert Jahre deutsch-deutsche Industriegeschichte: Aufstieg, Fall, Enteignung, Wiedervereinigung und Neuanfang

Gebundene Ausgabe

E-Book

496 Seiten

Erschienen bei

HarperCollinsGermany

Hörbuch-Download ungekürzt

Laufzeit 412 Minuten

erschienen bei Harper Audio

7 Fragen an Kati Naumann

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