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Wer wir sind, ist aus Erinnerungen gewebt

foto erfan banaei

Familie, Heimat, Nostalgie

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Eigentlich könnte nun das gute Leben beginnen. Der Sohn ist aus dem Haus, der Ex-Mann einvernehmlich geschieden, die Freundinnen im Theaterfoyer zum Anstoßen auf die neue Freiheit versammelt. Aber neben ihrer Arbeit als Koloristin bei den Halbmond-Teppichwerken ist die 60-jährige Dina plötzlich für ihren gebrechlichen Vater Benno verantwortlich. Benno war früher für die Werke als Handlungsreisender tätig und reiste, als kaum jemand im Land über solche Privilegien verfügte, bis nach Beirut oder Bagdad und traf sich mit Delegationen aus der ganzen Welt. Stets wusste er die besten Geschichten zu erzählen - nur nicht seine eigene. Nie hat Dina etwas über seine böhmische Kindheit, seine Eltern oder die Flucht erfahren, zu der alle Sudedendeutschen nach dem Krieg gezwungen waren. Als sie ihm nun das Bild eines besonderen Teppichs zeigt, ruft er aufgeregt aus, dass man darüber nicht sprechen dürfe. Getrieben von der Hoffnung, ihrem Vater nach all den Jahren doch noch näherzukommen, begibt sich Dina auf eine Spurensuche, die sie weit in die sinnliche Welt der Farben und Formen der Halbmond-Teppiche und ihre vogtländische Heimat führt.

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Die heimliche Hauptfigur dieses Romans ist das älteste fahrtüchtige Kreuzfahrtschiff der Welt. Es fuhr jahrzehntelang unter dem Namen Völkerfreundschaft. Damals war sein Heimathafen Warnemünde an der Ostsee. Heute liegt dieses Schiff im Hafen von Rotterdam und heißt Astoria. Gebaut wurde es am Ende des 2. Weltkriegs in Schweden und auf den Namen Stockholm getauft. Das Schiff hatte 12 verschiedene Namen und eine ebenso spannende wie bewegende Geschichte. In den ersten Jahren fuhr es auf der Nordatlantikroute zwischen Göteborg und New York. Vor der Küste von Nantucket kollidierte es mit der Andrea Doria, die dabei sank. Danach kaufte die DDR das Unglücksschiff und als sie es sich nicht mehr leisten konnte, wurde es weiter an die Neptunes Enterprice New York verkauft. Der Roman erzählt die Geschichte dieses besonderen Schiffes und der Menschen, die es übers Meer getragen hat.

Die Halbmond Teppichwerke

in Oelsnitz im Vogtland

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3 Fragen an Kati Naumann

 

 

Das Thema der Teppicherstellung hat mich geradezu verführt mit seinen prächtigen Farben und kostbaren Materialien. Die Halbmond-Werke durchliefen eine wechselvolle Geschichte, verschlungen wie die Muster ihrer Teppiche. Gegründet in der Kaiserzeit im vogtländischen Oelsnitz, das damals Zentrum der deutschen Teppichindustrie war, wurde in der DDR daraus der VEB Halbmond. Eines Tages machten sich Vertreter dieses sozialistischen Betriebs auf den Weg ins Morgenland, um in der DDR hergestellte Orientteppiche im Orient zu verkaufen und zwar in rauen Mengen. Was klingt wie ein Märchen aus tausendundeiner Nacht ist doch wirklich so geschehen. Diese Mischung aus vertrauter Kleinstadt und exotischen Orten, aus weicher in tausenden Tönen gefärbten Schafswolle und harter Arbeit, besitzt eine ganz besondere Magie. 

Zentrum Ihres neuen Romans sind die Halbmond-Teppichwerke. Was hat es damit auf sich, warum haben Sie diesen Schauplatz gewählt?

Auch das neue Buch wirkt exzellent recherchiert, Sie beschreiben auch die historischen Schauplätze sehr feinfühlig und atmosphärisch. Wie haben Sie sich auf dieses Buch vorbereitet?

Bei der Recherche zu diesem Roman habe ich mich auf zwei Säulen gestützt: Belegte Tatsachen und durch Gefühle beeinflusste Erinnerungen von Zeitzeugen. Die historischen, stadtgeschichtlichen und handwerklichen Fakten habe ich in Fachbüchern gefunden, im Chemnitzer Staatsarchiv aufgespürt, im Teppichmuseum und Stadtarchiv von Oelsnitz zusammengetragen, und aus alten Ausgaben von regionalen Tagesblättern und Betriebszeitungen herausgesucht. Im Archiv der heutigen Halbmond-Teppichwerke fand ich eine Fülle von originalen Teppichentwürfen und Skizzen vor, die mich sehr inspiriert haben. Außerdem konnte ich mit vielen ehemaligen und gegenwärtigen Mitarbeitern der Halbmond-Teppichwerke sprechen, deren Fachwissen mir geholfen hat, alte Handwerkskunst und moderne Technologien zu verstehen. Um mich besser in meinen Handlungsort einfühlen zu können, habe ich mir ein Quartier in Oelsnitz gesucht, um dort zu schreiben. Ich bin die Wege meiner Helden abgelaufen, habe mich in die Landschaft verliebt und konnte mich mit Alteingesessenen treffen, die mir von ihrer Kindheit und Jugend in Oelsnitz erzählt haben. Jeder von ihnen besitzt eine eigene Version der Vergangenheit und ich habe verschiedene Sichtweisen aus allen Berufen und Schichten gesammelt. Das hat mir geholfen, ein möglichst vielfältiges Bild zusammenzusetzen, mit dem ich die Vergangenheit zum Leben erwecken möchte, und in dem sich die wiederfinden sollen, die sich noch erinnern. 

Ihre Protagonistin Dina ist eine spannende, nahbare Figur, mit der sich sicherlich viele Leserinnen und Leser identifizieren können. Wer ist Dina, was ist an ihr besonders – und was mögen Sie am liebsten an ihr?

Dina ist mir sehr nah, sie gehört zu meiner Generation und wir sind beide von Eltern erzogen worden, die Kriegskinder waren. Unser beider Leben wurde durch die Umbrüche der Wende komplett auf den Kopf gestellt.  Für diese Figur habe ich mich außerdem von den Frauen inspirieren lassen, die mir bei der Recherche im Vogtland begegnet sind. Sie waren bei unseren Gesprächen so herzlich und gastfreundlich und konnten andererseits herrlich humorvoll schimpfen. All das ist es auch, was ich an Dina am meisten mag. Hinzu kommt ihre Fähigkeit vorbehaltlos zu vertrauen und ihr Pragmatismus. Manche Dinge müssen eben einfach getan werden. 

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